Ein Plädoyer für ein neues Selbstverständnis: PR und Kommunikationsprofis müssen wie Forscher denken und arbeiten

Meine BPRA Studie hat gezeigt, dass die Schweizer PR-Berater über zu wenig persönliche Praxiserfahrung mit relevanten Webplattformen verfügen. Sind PR-Berater und Kommunikationsprofis ganz einfach digitale und soziale Muffel?

In den vergangenen Tagen habe ich mir Gedanken dazu gemacht, wieso sich die meisten PR-Berater und Kommunikationsprofis so schwer damit tun, mit dem raschen digitalen, sozialen und mobilen Wirtschafts- und Gesellschaftswandel mitzuhalten.

Um die oben gestellte Frage zu beantworten. Nein, die meisten der Kommunikationsprofis, die ich persönlich kenne, sind durchaus experimentierfreudige Nutzer von digitalen, sozialen und mobilen Plattformen, Services und Technologien. Sie experimentieren jedoch in erster Linie im privaten Kontext und übersetzen diese Erfahrungen nicht auf ihren Beruf. Das ist unter anderem ein Grund dafür, wieso die meisten Kommunikationsprofis zwar auf Facebook aktiv sind (dort sind ihre Freunde), statt auf Google+ (das wäre relevant für ihre Arbeit).

Was sind also die unter der Oberfläche liegenden Gründe dafür, wieso sich Kommunikationsprofis so schwer tun mit dem digitalen Wandel?

 

Grund 1: Falsches Selbstverständis: Kommunikationsprofi = absoluter Experte

Die meisten Kommunikationsprofis, die ich in den vergangenen elf Jahren kennengelernt habe, sind auf ein spezifisches Thema, eine spezifische Disziplin, spezialisiert. Ich kenne (neben vielen weiteren) Experten für Medienarbeit, Krisenkommunikation, interne Kommunikation, Gesunheitskommunikation oder Public Affairs.

Die ganz Beflissenen unter ihnen versuchen in ihrem Spezialgebiet am Puls der Zeit zu bleiben. Sie versuchen zum Beispiel zu verstehen, wie Social Media die Medienarbeit oder die Kommunikation zwischen Ärzten und Patienten beeinflusst. Die meisten Experten tun aber nicht einmal das. Die meisten konzentrieren sich seit Jahren auf das, was sie kennen, und wo sie sicher sind, gegenüber Kunden oder anderen Kommunikationsprofis einen Eindruck als absoluter "Experten" zu hinterlassen.

Wo das hinführt ist offensichtlich. Geschäfts- und Kommunikationspielfeld verändern sich rasant. Wer seine Kommunikationsexpertise nicht laufend erneuert und erweitert, wird irgendeinmal nutzlos.

 

Grund 2: Anpassen an digitalen Wandel = Zusammenarbeit mit digitalen Experten

Ein Grund dafür, wieso sich so viele Kommunikationsprofis seit Jahren ausschliesslich in ihrer eigenen Komfort-Zone bewegen können, sind digitale Strategen und Social Media Experten.

Die meisten von ihnen machen es ihren Kommunikationskollegen schlicht zu einfach. Anstatt diese tagtäglich dafür zu motivieren und zu schulen, um sich selbst mit dem digitalen Wandel und dessen Konsequenzen für die entsprechende Kommunikationsdisziplin auseinanderzusetzen, übernehmen sie diesen Part für ihre Kollegen. So stärken sie ihre eigenen Positionen. Sie werden zu wertvollen Allroundern in Agenturen und Kommunikationsabteilungen. Gleichzeitig verhindern sie so aber, dass Agenturen und Kommunikationsabteilungen als Ganzes erfolgreicher arbeiten.

 

Ein Plädoyer: Kommunikationsprofis müssen stärker wie Forscher denken und arbeiten

Was haben Apple, Google und Amazon gemeinsam? Sie sind unglaublich innovativ und unglaublich erfolgreich. Das kommt nicht von ungefähr. Diese Firmen investieren konsequent in Forschung und Entwicklung. Google zum Beispiel gewährt allen Mitarbeitern einen Tag pro Woche, um sich mit persönlichen Forschungsprojekten auseinanderusetzen. Aus solchen persönlichen Projekten sind Dienstleistungen wie Google Maps oder das Projekt Glass entstanden.

Was für diese globalen Unternehmen gilt, gilt schlussendlich für jeden Kommunikationsprofi.

Kommunikationsprofis, die erfolgreicher werden wollen, müssen stärker wie Forscher denken und arbeiten.

  • Sie müssen täglich die Augen und Ohren offen halten nach neuen Instrumenten und Plattformen, die für ihre Tätigkeit relevant sein könnten.
  • Sie müssen das Testen solcher Instrumente und Plattformen zu einem integrierten Bestandteil des täglichen Jobs machen. Das ist keine lästige Zeitverschwendung, die an den digitalen Strategen delegiert werden kann, sondern eine wichtige Investition in die eigenen Fähigkeiten und damit in die Wettbewerbsfähigkeit seines Arbeitgebers oder Unternehmens.
  • Ja, Ausprobieren und Testen braucht Zeit und manchmal auch Nerven. Und nicht jedes Experiment verläuft erfolgreich. Ein Forscher lernt aber mit jedem Experiment dazu. Genauso müssen auch Kommunikationsprofis zu denken, arbeiten und lernen beginnen.

Google ist natürlich ein extremes Beispiel. Die wenigsten Komunikationsprofis werden je in den Genuss von einem Tag Zeit pro Woche für Forschung und Entwicklung kommen. Das ist aber auch nicht die Voraussetzung. Schon wer sich 15 Minuten pro Tag mit neuen Technologien auseinandersetzt, wird für sich und seinen Arbeitgeber einen nachhaltigen Wert generieren.

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